„Der Leser, das unbekannte Wesen“

November 27, 2007

Was wollen die Leser von Wissenschaftsseiten? Dem möchte der schweizer Medienforscher Dr. Carlo Imboden mit seiner Erfindung, der Reader-Scan-Analyse, auf den Grund gehen. Ziel ist es, Licht auf den Leser als unbekanntes Wesen zu werfen, also sein Leseverhalten zu beleuchten, um die Resultate konkret für die weitere redaktionelle Arbeit zu nutzen. Einfach ausgedrückt, versucht man mit dieser Scantechnik zu analysieren, wie viele Leser auf einen Artikel aufmerksam werden, und wer wann und an welcher Stelle aus dem Text wieder aussteigt. Fazit: Was kommt beim Leser an und was nicht?

Der Reader-Scan ist ein kleiner Scanner in Stiftform, mit dem der Leser den ersten und letzten gelesenen Satz markiert. Auch übersprungene Zeilen werden vom Reader-Scan erfasst. Zusätzlich ist eine kleine Uhr eingebaut, die die Lesezeit misst. Sie ient auch als Überprüfung der richtigen Nutzung des Reader-Scans. Dr. Imboden berichtet von einem Fall, der verdeutlicht, wie nützlich diese Uhr sein kann. Ein Teilnehmer der Analyse vergaß seinen Reader-Scan zu Hause. Seine Pflichten wollte er aber nicht vernachlässigen und strich so kurzer Hand alles mit einem gelben Textmarker an. Zuhause angekommen holte er den Reader-Scan heraus und scannte die markierten Stellen nachträglich ab. „Für uns sah es so aus, als hätte er in zehn Sekunden die ganze Zeitung gelesen. Das hat bei uns Alarm ausgelöst“, erklärt Imboden schmunzelnd. Die Rekrutierung der Testleser erfolgt auf Wunsch der jeweiligen Redaktion. So wird auch die Stichprobengröße ausgewählt. Sie ist davon abhängig, wie tief analysiert werden soll.
In der kleinsten Stichprobe gibt es etwa 120 Testleser. Aus diesen Ergebnissen kann man dann schon Schlüsse ziehen auf das Geschlecht und die Altersgruppe der Leser.
„Das kann man soweit treiben, bis man konkret das Leseverhalten einer blauäugigen medizinisch-technischen Assistentin beurteilen kann“, lacht Imboden. Das ermittelte Nutzungsverhalten wird am Ende der Analyse zu einer Lesequote zusammengefasst und als Feedback an die Redaktionen weitergegeben. So kann sich die Zeitung an das Nutzerverhalten anpassen. Wichtig ist jedoch, dass die Ergebnisse nicht verallgemeinerbar sind, da sie sehr an die jeweiligen Rezipienten gebunden sind. Trotzdem kann man leichte Trends wahrnehmen.Tendenziell stellt man fest, dass längere Texte besser ankommen. „Also keine Angst vor ausführlichen Darstellungen“, ermutigt Imboden. Der wichtigste Punkt sei es aber Betroffenheit zu schaffen. Der persönliche Nutzwert entscheidet über Erfolg oderMisserfolg eines Artikels. Die Themen Gesundheit und Medizin sind deshalb Quotendauerrenner. Sie sind dem Leser nah. „Zivilisationskrankheiten, wie Übergewicht und Cholesterin gehen fast immer“, bestätigt auch Dr. Gerhard Schwischei, Chef vom Dienst und Leiter des Ressorts Wissenschaft/Gesundheit bei den Salzburger Nachrichten. Er fügt an: „Auch Psychlogie-Themen, wie Burnout, Ängste, Spinnenphobie sind Klassiker, die den Menschen direkt betreffen.“ Ebenso werden klare Strukturen von vielen Lesern bevorzugt. „Der Leser ist ein Gewohnheitstier und möchte nicht verwirrt werden durch ständig neue Experimente.“ ist sich Matthias Niese, Redakteur bei der Nürnberger Zeitung, sicher. Zusätzlich schafft ein aktueller Bezug Aufmerksamkeit und der Zugang zum Artikel wird sofort gefunden. Statistiken und viele Zahlen, Agenturmeldungen als Seitenfüller und zu abstrakte Titel schrecken den Leser jedoch ab. Auch Zukunftsprognosen stoßen nicht auf großes Interesse. Laut den Analyseergebnissen scheint also das Was noch passieren wird weniger interessant zu sein als das, was schon passiert ist.
Der Nutzwert der Readerscan-Auswertungen kann also duchaus groß sein. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin, Dr. Markus Lehmkuhl, sieht das große Potential des Readerscan-Verfahrens, bemerkt jedoch auch die Gefahren: „Also heißt es, hohe Quote: toll, nehmen wir und tiefe Quote: schreiben wir nicht mehr!?“ Eine Selektion soll auf Grund der Auswertungen laut Imboden nicht vorgenommen werden. „Ein Journalist hat immer noch einen publizistischen Auftrag. Durch die Scanergebnisse
findet man aber ein Strickmuster, Gesetzmäßigkeiten, also Dinge, an die man andocken kann, damit die Menschen auch Zugang zu anderen Themen finden.“Dem stimmt auch Niese zu: „Man kann dem Leser doch auch entgegenkommen und ihm geben, was er lesen möchte und trotzdem eine gute Themenmischung finden. Das ist doch kein Widerspruch!“ Die Readerscan-Analyse ist also sicher ein neues hilfreiches Verfahren zur Auswertung von Artikeln, aber noch lange kein Garant für qualitativ-hochwertigen Journalismus. Schließlich ist das, was der Leser will, nicht immer das, was er braucht. „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ ist doch auch für viele interessanter als die Nachrichten. Trotzdem sollte man in diese ab und zu vielleicht auch mal reinschauen. Ich würde sagen: Die Mischung macht`s!

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2 Responses to “„Der Leser, das unbekannte Wesen“”

  1. Hannes Michels Says:

    also ich find das ein wenig zu kurz. 😉

  2. Fischer Says:

    Ich find, das hier ist der beste Text bis jetzt. Absätze wären nicht schlecht.

    Interessant für Blogger:
    *Tendenziell stellt man fest, dass längere Texte besser ankommen. “Also keine Angst vor ausführlichen Darstellungen”*
    Gilt meiner Erfahrung nach auch und gerade für Blogs. Die ganzen selbsternannten Problogger schreien zwar bei jeder Gelegenheit „kurzkurzkurz“, aber das stimmt schlicht nicht.


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