Über Betrügereien und sonstige Lügen

November 27, 2007

Zu allererst muss man sich von dem Gedanken lösen, dass kein Stäubchen das Thema wissenschaftliche Fakten und Publikationen beschmutzt. Denn Wissenschaftsbetrug scheint weiter verbreitet zu sein, als man zunächst denkt. Tatsächlich schleichen schwarze Schafe durch die Labore, Scharlatane, Betrüger, Lügner und Faktenverfälscher.

Angefangen bei so grundehrlichen und ehrgeizigen Menschen wie Leistungssportlern – die sich vom Druck ihres Arztes und des Managements zu Schandtaten wie Doping hinreissen lassen – geht die Verfäschlung von Ergebnissen bei Wissenschaftlern weiter. Sie beschönigen ihre Diagramme, Berichte und Papers einfach so, dass sie aussagen was und aussehen wie es sein sollte oder es erwartet wird.

Darüber und auch über die Rolle, die ein Journalist in einer solchen Scharade spielt, referierten Prof. Dr. Ulrike Beisiegel sowie Prof. Holger Wormer und Dr. Hubert Rehm. Ulrike Beisiegel, selbst Wissenschaftlerin gab auch selbst zu, dass die Verführung, Ergebisse zu verschönern, abzuschreiben oder Erwartungen anzupassen bisweilen ziemlich groß sei, da leider nur in 20% aller Fälle Ergebnisse dem Wissenschaftler Freude bereiten und man den Rest der Zeit frustriert hinter dem Labortisch stehe. Um zukünftig Betrügereien Einhalt zu gebieten, gründete man 1997 – nach einem besonders spektakulären Fälschungsfall – eine Selbstkontrolle. Angeführt von einem sogenannten Ombudsman, einem Vermittler in Problemfällen, solle in Zukunft jeder Wissenschaftler, der seinen Kollegen beim Fälschen, Schönen oder Abändern seiner Ergebnisse erwischt, sofort Alarm schlagen. Der vermeintliche Betrüger wird dann vom Ombudsman vertraulich auf sein Fehlverhalten hingewiesen. (Diese ganze Sache nennt sich auch nicht petzten, sondern eher den verlorenen Sohn der Wissenschaft auf den rechten Weg zurückführen) Das Komitee um den Ombudsman hat allerdings keine Sanktionsmöglichkeiten. So gerät der gesamte Fall auch nicht an die Öffentlichkeit, es sei denn, der Journalist kommt ins Spiel.

Darüber wusste der Redakteur Rehm des Laborjournals zu berichten. So gäbe es drei Regeln zu beachten.
Die Erste: Man darf nicht auf die Glaubwürdigkeit der Person achten, sondern nur darauf, ob es sich um einen konkreten Vorwurf handle. Mit einem schön anschaulichen Bespiel gab Rehm zu verstehen, dass oft persönliche Dramen hinter solchen Vorwürfen steckten. So hatte eine Biologin ihren Freund angezeigt, für den sie die Habilitationsarbeit geschrieben und die Versuche durchgeführt hatte. Der Grund für den Verrat war ein Streit mit dem Liebsten. Dennoch konnte der Redakteur Rehm die Story nicht in seinem Journal veröffentlichen, da die Biologin sich wenige Wochen später wieder mit ihrem Freund versöhnte.
Die zweite Regel besagt , dass man seinen Informanten auf jeden Fall zu schützen habe. Zum einen sei er der, der mit den Aussagen seinen Job riskiere. Zum anderen ist er der Einzige, der den Stein der Aufklärung ins Rollen bringen kann.
Drittens müsse man immer auch die Gegenseite befragen, da sich deren Aussagen oft gravierend von der des Anklagenden unterscheiden würden.

Von den enthüllenden Artikeln über gefälschte Ergebnisse hat man dann im schlechtesten Fall schlaflose Nächte, meist kostenintensive Gerichtsverhandlungen und Unterlassungserklärungen, doch allemal ist es gut fürs Ego, den Ruhm und die Anerkennung.

Zuletzt kam Professor Wormer zu Wort. Er schilderte einige neuere Betrügereien oder Unredlichkeiten. (d.h. es handelt sich um „keine groß angelegten“ Fälschungen)
Über ein publiziertes Paper eines Physikers, der es trotz aller Versuchsaufbauten und Vorbereitungen angeblich schaffte, einmal pro Woche zu publizieren; über eine klinische Patientenstudie, in der an 400 Versuchen gepfuscht wurde, bis hin zu einer Fachzeitschrift in der Co-Autoren in einem Artikel genannt wurden, die von ihrem Glück der Co-Autorschaft erst in einer Informationsemail erfuhren oder einer Diagrammfälschung, bei der Werte zusammengefasst wurden, um dem gewünschten Verlauf der Kurve zu entsprechen.
Und zum Schluss, für alle die immernoch an die absolute Faktentreue der wissenschftlichen Pubikationen glauben: Laut einer Umfrage gaben 1/3 der befragten Wissenschaftler an, in Unredlichkeiten verwickelt gewesen zu sein, doch der Druck auf sie wächst. Denn sowohl die Kommision um die Ombudsmänner, als auch die aufklärenden Medien, verzeichnen eine wachsende Bereitschaft der Informanten, belastende Hinweise preiszugeben.

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6 Responses to “Über Betrügereien und sonstige Lügen”

  1. florianhennefarth Says:

    Sehr gut gemacht…

  2. florianhennefarth Says:

    und Herr Stockmann: Ich hätte gerne den ursprünglichen Stil zurück!!!

  3. Fischer Says:

    Das Problem ist nicht nur weiter verbreitet als man denkt, vor allem diese „kleinen Unredlichkeiten“ stellen eine veritable Epidemie dar.

    Recherchetipp:
    – Anzahl der Chemie-Publikationen in Deutschland 1995 und 2005 vergleichen
    – Anzahl der Forscher und zur Verfügung stehende Geldmittel in diesen Jahren vergleichen

    Was für Wissenschaftsjournalisten noch wichtiger ist: Wirklich unredlich wird es vor allem dann, wenn die Presse über die Bedeutung der Entdeckung „informiert“ wird.

  4. Hannes Michels Says:

    Danke für die Tipps, Herr Fischer.

    Es ist natürlich unredlich, aber eben diese Unredlichkeit ist mehr als verdient. Wer absichtlich Forschungsergebnisse fälscht oder beschönigt, darf sich über Anprangerei und die Veröffentlichung solchen Fehlverhaltens nicht beschweren. Sie muss die logische Konsequenz sein.

    Aber sehr gut geschrieben.

  5. Fischer Says:

    Neinnein, das ist ein Missverständnis: Mit unredlich meine ich keineswegs die Aufdeckung der Fälschungen, im Gegenteil. Das ist die edelste Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus.

    Was ich meine ist der Umstand, dass eben nicht nur in der Forschung unredlich gearbeitet wird, sondern auch und zu allererst in der Vermittlung dieser Forschungsergebnisse. Da wird oft noch mal ganz kräftig gepimpt.

    Ich kann jedem angehenden Wissenschaftsjournalisten nur empfehlen, grundsätzlich bei jeder Meldung das zugrunde liegende Paper zu lesen. Dann sieht man nämlich auch schnell, ob die Behauptungen in der Pressemitteilung durch die Fakten gedeckt sind.

  6. Hajo Says:

    Im vergangenen September fand in Lissabon die „First Conference on Science Integrity“ statt. Presseinfos und Präsentationen von der Konferenz gibt es auf der Seite der European Science Foundation ESF (www.esf.org). Sehr empfehlenswert!


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