Ein leckeres Süppchen, das keiner löffeln will

November 29, 2007

Die Zukunft klopft an die Tür. Nicht überraschend, so hat sie sich doch in den letzten Jahren häppchenweise angekündigt: TV und Radio verweisen auf zugehörige Podcasts, Internetauftritte sind mit Galerien bespickt, Videos soweit das Auge reicht…Die Wissenschaftsjournalisten schielen mit einer Mischung aus Neugier und Angst durch den Spion – aufmachen möchte scheinbar niemand. Grund genug, um den Workshop „Crossmediales Arbeiten: Wie funktioniert das?“ in den Terminkalender der Wissenswerte 2007 aufzunehmen.

Unter der Leitung von Moderatorin Bettina Goldbach (MDR) referiert Prof. Dr. Klaus Meier, eine von zwei Figuren der Hochschule Darmstadt auf dem Wissenswerte-Schachbrett. Christian Jakubetz, Journalist und Dozent unter anderem an der deutschen Journalistenschule, komplettiert die Runde. Im ersten Teil der Veranstaltung fasst Meier die aktuelle Mediensituation zusammen. Jakubetz gibt im zweiten Abschnitt Tipps zur praktischen Anwendung. Dabei verwandelt sich der Workshop in eine Art Beratungsstelle für die nach wie vor verunsicherten Wissenschaftsjournalisten.

Doch gehen wir einen Schritt zurück: Was ist eigentlich crossmediales Arbeiten? Meiers simple Zusammenfassung: „Es ist das Kreuzen der traditionellen Plattformen mit neuen Medien.“ Den überwiegend im Print tätigen Zuhörern mag es hier schon durch den Kopf geschossen sein: Wer braucht denn sowas? Ganz einfach: Die Jugend (war ja irgendwie klar). Während die Tageszeitungen Auflageneinbußen bei Kunden im Alter zwischen 14 und 29 verzeichnen, hat sich das Internet zur zentralen Drehscheibe entwickelt. Über 95 % der 14 bis 19- Jährigen sind online. Eine Zeitung nehmen hingegen weniger als die Hälfte der Befragten in die Hand. Das Internet habe also eine höhere Reichweite, so Meier. Der ein oder andere mag es schon an den verdammt nervigen lustigen, seitengroßen Flashgrafiken bemerkt haben: Auch die Werbeindustrie hat aufgepasst, der Anzeigenmarkt im Internet boomt.

So weit so gut: Die Zukunft ist online. Aber welche Vorteile bietet das Internet überhaupt gegenüber den anderen Medien? Zum einen ist es die Geschwindigkeit. Nur wenige Minuten nach einem Vorfall, erfolgen die ersten Meldungen im Netz. Jakubetz nennt das Kind später auch beim Namen: „Das Internet hat die Nachrichtenfunktion übernommen.“ Die Tageszeitungen müssen verstärkt durch Hintergrundberichte punkten. Der zweite große Vorteil ist die Lieferung auf Bedarf. Podcasts und Angebote wie Youtube kollidieren nunmal nicht mit Arbeitszeiten.

Das Umdenken in den Verlagen hat begonnen, die Redaktionsstrukturen werden nach und nach angepasst. Der Trend geht weg von getrennten Bereichen hin zu Newsrooms und Newsdesks. Print und Online arbeiten zusammen, Themen werden ressortübergreifend behandelt und crossmedial verwertet. Durch das Aufheben der Grenzen spüren die Ressorts ihre Konkurrenz untereinander – doch sie arbeiten auch zusammen. Beides führt zu einer besseren Arbeitsleistung.

Praktizierende Journalisten müssen sich also wohl oder übel mit crossmedialer Arbeit auseinandersetzen. Und wie funktioniert das nun? Für Christian Jakubetz ist ein flexibeles Ausgangsmedium wichtig. „Sobald ein analoges Medium im Spiel ist, wird crossmediales Arbeiten sehr schwer.“
Die Lösung für ihn: Das Video. Weiß ein freier Journalist vor der Produktion, dass der Film für Hörfunk oder Print weiterverwertet werden soll, kann er rechtzeitig die Weichen stellen und neben der Geschichte sowohl eine Audiospur als auch passende Bilder liefern. Ein Beispiel ist der Verzicht auf lizensierte Musik, da diese online nicht verwertet werden darf.
Die Schwierigkeit liege auch nicht in der Produktion selbst, das Handwerk sei recht einfach erlernbar. Trotz kritischer Blicke fährt Jakubetz fort: „Crossmediales Arbeiten erfordert neue Schlüsselqualifikationen.“ Der Journalist müsse entscheiden, welches Medium das richtige sei, und wie er seine Inhalte verteilt. Zudem sei eine sinnvolle Vernetzung nötig.

Wer jetzt begeistert „Das kann ich doch alles“ ruft, darf sich für ca. 5000 Euro eine Einsteigerausrüstung für Videojournalisten zulegen. Wenn man Jakubetz Glauben schenken darf, geht das aber noch günstiger. Mit dem Audio-Schnittprogramm audacity, dem Windows Movie Maker (Start->Programme->Zubehör) gibt es kostenfreie Möglichkeiten zur Bearbeitung, auf wordpress lässt sich das Ganze dann in die Netzwelt verbreiten.

Begeisterung ist es nicht, was im Ton der Fragesteller mitschwingt. Wo man das denn alles lernen könne, will eine Dame leicht verzweifelt wissen. Jakubetz verweist auf Studiengänge, die den Umgang mit Cam& Co unterrichten. Die Dame ist nicht zufrieden, hakt nach und wird enttäuscht. Leider gäbe es keine seriösen Workshops für ausgebildete Journalisten, obwohl der Bedarf offenbar groß sei. Der Spruch „Learning by doing“ fällt nicht. Gepaart mit ein paar aufmunternden Worten hätte diese Antwort wohl eine bessere Wirkung erzielt.

Stattdessen wird der Unmut einiger Anwesenden deutlich. Wie kann man trotz einfacher Ausrüstung Qualität erzielen? Wieso übt mittlere Qualität überhaupt so einen Reiz aus? Jakubetz versucht zu beruhigen. Bei Videoformaten sei nicht das Fernsehen der Maßstab, sondern Formate wie Youtube. Um Horrorvisionen in den Köpfen vorzubeugen ergänzt er: „Aber Qualität hat nichts mit der Plattform zu tun.“
Eine junge Frau versucht am folgenden Gemurmel gemessen erfolglos Schützenhilfe zu leisten. Als Praktikantin habe sie bei einem regionalen Fernsehsender den Umgang mit Kamera und Mikrofon in wenigen Minuten erklärt bekommen. Danach wurde sie mit einer weiteren Praktikantin ins kalte Wasser bzw. auf die Straße geschmissen. Der Erfolg käme zügig, die Beiträge wurden regelmäßig angenommen. (Na, learning by doing?)

Eine Frage stimmt jedoch nachdenklich und erklärt die teilweise ablehnende Haltung. „Und was habe ich finanziell davon?“ Aussortierte (und somit nicht bezahlte) Printbilder und Interviewausschnitte werden online angeboten, mehr Gehalt gibt es meißt trotzdem nicht. Jakubetz versteht die Bedenken und kann nur die Argumentation eines Verlagchefs wiedergeben: Durch das Internet verdiene man kein Geld. Nach den Ausführungen der Referenten vor allem hinsichtlich der Medienreichweite und der Entwicklung des Werbemarktes wirkt dies wie blanker Hohn. Jakubetz rät dazu, seine Geschichten direkt als Paket zu verkaufen. Fertige Tonspur für den Podcast, eine Bildstrecke für die Online-Galerie und das Ganze für einen etwas erhöhten Pauschalpreis.

Es klingt ein bisschen wie das Feilschen auf einem Basar, aber man muss ja sehen, wo man bleibt. Nichtsdestotrotz schadet meiner Meinung nach ein klein wenig mehr Offenheit gegenüber der crossmedialen Arbeit nicht. Es heißt doch „…und immer an die Leser denken.“ Die freuen sich, wenn sie wissenschaftliche Errungenschaften nicht nur lesen, sondern auch in Bewegung sehen und hören können. Von grafischen Darstellungsmöglichkeiten für die Biologie oder Chemie ganz zu schweigen…

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