Eine Reise in die Welt der Viren

November 29, 2007

Nach rund eineinhalbstündiger Busfahrt kommen wir vor dem Bernhard-Nocht-Institut (BNI) am Hamburger Hafen an. Im Hörsaal werden unsere Gedanken von der Wissenschaftsreferentin Dr. Barbara Ebert schnell in die Welt der tropischen Viren gelenkt. Noch viel kleiner als Bakterien sind diese nur unter dem Elektronenmikroskop zu sehen. Und sie mögen es warm. So leitet Ebert auf den Klimawandel über: „Prognosen sprechen von einer globalen Erwärmung um zwei bis sechs Grad Celsius bis 2100“. Gerade die von Mücken auf den Menschen übertragene Krankheiten (Arbovirosen) seien von der Temperatur abhängig. Denn nicht nur die Erreger könnten sich mit zunehmender Wärme schneller vermehren, sondern auch die Mücken. Wird Europa also von tropischen Krankheiten wie dem West-Nil-Fieber oder der Malaria bedroht? Unter anderem am Beispiel einer Chikungunya Epidemie in Italien vor wenigen Jahren geht die Referentin auf dieses Thema ein. Nur ein einziger Erkrankter habe nach seiner Einreise in das südeuropäische Land rund 300 Menschen in einem Umkreis von 20 Kilometern angesteckt. Die mit Fieber und Gelenkschmerzen einhergehende Infektionskrankheit heile zwar in der Regel aus, jedoch erst nach vielen Monaten. Doch „sozioökonomische Faktoren und das Gesundheitssystem spielen eine gewichtigere Rolle als die Temperatur“, zieht Ebert ihr beruhigendes Fazit. Auch bildeteten Stechmücken keinen effizienten Vektor für die Übertragung von Viren. Durch Frühwarnsysteme, den Einsatz von Medikamenten und Insektengiften sei es zum Beispiel gelungen, Malaria in Europa auszurotten.

p1020939.jpgIm Kurssaal zieren Poster mit Bildern von Würmern und anderen Parasiten die Wände. Gegenüber hängen Insekten in Schaufenstern. Wir dürfen präparierte Erreger unter dem Mikroskop begutachten, doch vorher erfahren wir von Prof. Dr. Jürgen Mya noch von einer Studie in Ghana. Durch eine intermittierende Behandlung von über 1000 Kleinkindern mit Sulfodoxim-Pyrimethamin sei es gelungen die Anzahl der durchschnittlichen Malariaattacken pro Jahr und Kind um rund 20 Prozent zu senken. Dabei habe sich durch den Anstieg der Erreger im Blut vor erneuter Medikamentengabe vielleicht eine Semiimmunität entwickeln können.
Später werden wir noch mehr über die in den Tropen weit verbreitete Erkrankung erfahren, die zu einem Platzen der roten Blutkörperchen führen kann. Doch erst einmal hören wir einen Vortrag des Parasitologen Prof. Dr. Egbert Tannich über Amöbenleberbszesse. „Untersuchungen haben gezeigt, das ist eine Erkrankung des jungen, erwachsenen Mannes“, berichtet Tannich. Und tatsächlich bildeten nur männliche Mäuseleber nach Einspritzen von Amöben Abszesse aus. Und diese bildeteten sich unter der Gabe von weiblichen Geschlechtshormonen zurück.

Jetzt geht es in den Keller. Die Virologin Dr. Beate Kümmerer führt uns zum Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Sie zeigt uns einen weißen Schutzanzüge mit angeschlossenem durchsichtigem Plastikhelm und gelben Gummistiefeln. Es stinkt nach Säure und tierischen Ausdünstungen während sie von den hier gelagerten Ebola- und anderen Viren spricht. Dass ein solch hochmodernes Labor mit der höchstmöglichen biologischen Sicherheitsstufe in einem Altbau untergebracht ist, wundert uns. Doch ein Umzug in ein neues Gebäude stehe im nächsten Jahr bevor, erfahren wir. In dem zukünftigen „S4 Labor“ könnten die Forscher dann auch mit „rekombinanten“ also gentechnisch veränderten Viren arbeiten, erzählt uns Kümmerer.

Die Zeit drängt. Wieder zurück im Kurssaal sehen wir die Aufnahme einer „Intravitalmikroskopie“. „Das ist eine relativ neue Technik“, verrät uns PD Dr. Volker Heussler aus der Molekularen Parasitologie. Zellen schwimmen durch ein Blutgefäß einer lebenden Maus. Das ist alltäglich. Aber dass wir dabei in starker Vergrößerung zu sehen können ist wahrlich beeindruckend. Mit seiner Entdeckung der „Merosomen“ hat er in diesem Jahr einen Wissenschaftspreis für medizinische Grundlagenforschung erhalten. Versteckt in kleinen Membransäckchen (den Merosomen) verließen die Malararia- Parasiten die Leber und gelangten so unbemerkt in die Blutbahn.
Von Flughunden, Menschenaffen und dem Mythos Ebola berichtet zu letzt Kümmerer. Sie erinnert an das große Gorilla-Sterben 2002 bis 2005 im Kongo, während Flughunde (eine Fledermausart) ein latentes Reservoir darstellten, weil sie nicht selbst erkrankten. Auch auf den Marburg Virus kommt sie zu sprechen. 1967 sei der im Bernhard-Nocht-Institut erstmals unter einem Elektronenmikroskop sichtbar gemacht worden.
Unzählige Viren und anderes Getier schwirren jetzt auch in unseren Köpfen herum. Aber nur bildhaft- zum Glück! Eine Frage habe ich noch: Welche Existenzberechtigung haben eigentlich Viren? Zerstören sie nur oder tragen sie auch in einer Weise zum Überleben einer Art bei? Darüber und vieles anderes diskutieren wir auf der Rückfahrt. Klären können wir die Frage dabei nicht.

http://www.bni-hamburg.de

http://www.gesundes-reisen.de

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4 Responses to “Eine Reise in die Welt der Viren”

  1. Fischer Says:

    Die meisten Arten gäbe es ohne Viren wahrscheinlich gar nicht. Die Dinger sind das zentrale Element des horizontalen Gentransfers.

  2. dorotheeschulte Says:

    Von horizontalen Gentransfers hatte ich schon in Bezug auf Gentechnik gehört. Jetzt habe ich aufgrund Ihrer Antwort ein wenig nachgelesen. Das ist ein sehr interessantes Thema. Freut mich außerdem zu erfahren, welch großen Anteil an der biologischen Vielfalt die Viren haben. Da lässt sich die nächste Grippe gleich viel leichter überstehen.

  3. Fischer Says:

    Ich gebe zu, wenn man mit 40 Grad Fieber und Schüttelfrost im Bett liegt, ist es ein eher schwacher Trost…

  4. dorotheeschulte Says:

    Wahrscheinlich habe ich dann Fieberträume über all das genetische Material, das die Viren gerade in meinen Körper einschleusen!


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