Bildung basiert auf Emotionen

November 30, 2007

„Schon im Mutterleib werden die Weichen gestellt für neuronale Entwicklungsprozesse“, erklärt der Neurobiologe Professor Gerald Hüther zum Thema frühkindliche Bildung während des Workshops anlässlich der Wissenswerte. Doch das wird oft falsch verstanden.“Dabei geht es nicht darum das Kind schon im Bauch der Mutter mit Chinesisch- oder Englischvokabeln zu beschallen“, berichtet er weiter.“Lernen muss über Emotionen vermittelt werden!“

Hüthers Erkenntnissen nach sind Lernerfahrungen immer an emotionale Zustände gekoppelt. Das sei bereits ein pränatales Phänomen. Fühlt sich eine Schwangere zum Beispiel beim Hören klassischer Musik besonders wohl, entspannt sich ihre Bauchdecke, das ungeborene Kind bekommt mehr Platz und verbindet die Musik somit mit einer angenehmen Erfahrung. Gegenteilig ist das ebenso möglich. Erfährt die Mutter etwas, was sie unter Stress setzt, spannt sich die Bauchdecke an und der Embryo wird zusammengrdrückt. Der Input von außen wird ebenfalls mit einem unangenehmen Gefühl gekoppelt. Wiederholen sich die erlebten Situationen, festigen sich die Assoziationen. „Je mehr man sich anstrengt, desto höher ist die Verspannung und desto eher kann das ins Gegenteil umschlagen“ bemerkt Hüther.

Das geschieht besonders im Bereich Bildung. Der Begriff Lernen scheint negativ belastet zu sein. Dafür ist laut Hüther unter anderem der gesellschaftliche Ruf nach Leistung verantwortlich. In Zeiten von Pisa und Iglu lastet ein großer Druck auf Eltern und Kindern. Im Leistungsfähigkeitsvergleich möchte niemand hinten an stehen. Die Eltern haben Angst etwas zu verpassen, so dass die Kinder später im globalen Wettbewerb nicht mithalten können. Der Hirnforscher ist sich sicher:
„Das Hauptproblem momentan sind die Eltern. Sie suchen in ihrer Verunsicherung einen Strohhalm an den sie sich klammern können, weil sie alles richtig machen wollen. Sie wissen allerdings nicht, wie man es richtig macht.“ In ihrer Verunsicherung würden Eltern dann oft zu Methoden greifen, die zu ihren Zeiten scheinbar funktioniert haben, nämlich
Disziplinierung und Druck.

Mit dem Versuch von Disziplinierung würde man laut Hüther allerdings nur Ungehorsamkeit erreichen. Laut ihm kommt es darauf an, den Kindern die Möglichkeit zu geben ihre Persönlichkeit zu entfalten und ihnen damit optimale Entwicklungschancen zu ermöglichen. Es ginge nicht darum Kindern Wissen mit zu geben und sie für bestimmte Zwecke funktionieren zu lassen, sondern ihre Grundbedürfnisse nach Zuneigung, Freiheit, Autonomie und Dankbarkeit zu erfüllen. „Werden diese Bedürfnisse nicht erfüllt, können Kinder ihre Potentiale nicht mehr entfalten und keine Bindungsfähigkeit oder positives Selbstbild herstellen“, erklärt der Neurowissenschaftler weiter. „Kinder müssen sich als wirksam empfinden, bemerken, dass sie etwas bewirken können. Das ist wohl das aller wichtigste, was man Kindern mitgeben kann! Und das kann man nicht lehren, sondern man muss den Kindern die Möglichkeit geben es selbst zu erfahren.“

Dabei soll es besonders wichtig sein, dass das Gelernte Bezug zum Leben der Kinder hat. Es sei eine ungünstige Erfahrung, wenn man Lernen muss, obwohl es keinen Sinn ergibt. Beispielsweise der Nutzen von Disziplin muss von den Kindern in der Praxis selbst erfahren werden. Hierzu gibt Hüther das Beispiel des Marshmallow-Tests.

Der Test wurde in den 60iger Jahren von Walter Mischel durchgeführt. Dabei wurde ca. 100 etwa 4 jährigen Kindern ein Marshmallow vorgesetzt. Nun wurde ihnen gesagt, dass sie die Süßigkeit essen dürfen, wann sie möchten. Könnten sie allerdings 15 Minuten warten, bis der Versuchsleiter wieder kommt, würden sie als Belohnung einen zweiten Marshmallow erhalten. Nach 20 Jahren wurden die ehemaligen Versuchsteilnehmer wieder eingeladen und befragt. Man stellt fest, dass die Menschen, die die selbstregulatorische Kompetenz besaßen auf den zweiten Marshmallow zu warten, ihr Leben besser meistern konnten. Sie schienen mit Streß besser umgehen zu können, bessere Bindungen und Partnerschaften eingehen zu können, verlässlicher, vertrauenswürdiger und beruflich erfolgreicher zu sein.
Hüther fasst die Erkenntnisse des Tests knapp zusammen: „Die Botschaft heißt also: Wir müssen mehr dafür tun, dass unsere Kinder 15 Mnuten auf einen Marshmallow warten können.“

Und das ginge nur in liebevoller Beziehung zu Lehrern, Erziehern und Familie. Kinder müssten nicht nur funktionieren und sich Wissen aneignen, sondern man bräuchte umsichtige, flexible Kinder, die auf andere inspirierend wirken. Je wohler sich Kinder beim Lernen fühlen würden, desto besser gelänge ihnen alles. „Wenn einmal negative Erfahrungen, zum Beispiel in Bezug auf das Lernen erfahren wurden, reicht es nicht mehr, durch Überzeugungsarbeit etwas daran zu ändern. Das geht nur durch neue positive Erfahrungen!“ erklärt der Hirnexperte.

„Unter Angst und Druck kann man sein Gehirn nicht nutzen. Und so vergeuden wir das Wichtigste was wir haben – die nachwachsende Generation“

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One Response to “Bildung basiert auf Emotionen”

  1. Ribiselboy Says:

    Da wären wir dann ja auch wieder beim Thea Intelligenz und wie definiere ich Intelligenz?! Das ist wohl eine immer wieder auftauchende Frage, die so leicht gar nicht zu beantworte ist… Und weil man hier bereits das Wort „Emotionen“ lesen konnte, die emotionale Intelligenz geht vielleicht etwas unter gegenüber der herkömmlichen immer angesprochenen Intelligenz, nichts desto Trotz ist auch dieses Wissensgebiet auf dem Vormarsch, vielerhand wird diskutiert wie man auch emotionale Intelligenz im Berufsleben verwirklichen und einsetzen kann, ich bin da auf einige blogs wie diesen oder auch Communities wie Bizzlounge.com gestoßen, wo rege diskutiert wird welche Ansätze man hat und wie das zu verwirklichen wäre. Die Unterteilung Gardners in sieben Teilbereich der Intelligenz ist brisanter denn je, denn irgendwie merkt man doch auch, dass nicht mehr nur das Individuum zählt, dass es eine Trendwende hin Richtung sozialem Engagement gibt, in der was „wir“ an erster stelle steht.


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