Maschinenstürmer: Über die befreiende Kraft des Onlinejournalismus

November 17, 2008

Der Onlinejournalismus gilt vielerorts (noch) als minderwertig. Es gibt Journalisten, die es sich inzwischen angewöhnt haben, in jedem zweiten Satz die Bemerkung einzustreuen, daß sie selbst ja Print(!)-Journalisten seien. Gar so, als ob es sich beim Präfix „Online-“ um etwas Ansteckendes handele.

In manchen Köpfen, das wird auch hier bei den „Wissenswerten“ klar, ist diese kategoriale Trennung zwischen dem vermeintlich qualitativ hochwertigen Printjournalismus und dem flüchtigen Onlinejournalismus, der kaum mehr als Abfallprodukt des Redaktionsalltags sei, immer noch fest verankert. Das Internet – so das tiefsitzende Vorurteil – verleite zur Flüchtigkeit, gar zur Schlamperei. Die Rezeptionsweise vertrage am Ende gar keine langen, gut recherchierten Geschichten. Soviel zu den alten Zöpfen.

Um Aufklärungsarbeit im ursprünglichen Sinne, um den nüchternen, vorurteilsfreien Blick auf den Journalismus der Zukunft ging es in der heutigen Podiumsdiskussion unter dem Motto: „Online first. Science second?“ Um Aufklärung also, welche Spielarten des Wissenschaftsjournalismus wir heute im Onlinebereich bereits finden und welche Entwicklungen auf Seiten der Mediennutzung und -Produktion sich aktuell abzeichnen.

Entgrenzung der Medien

Fest steht – und das kann getrost als Fazit der Diskussion festgehalten werden – die Trennung zwischen Print- und Onlinemedien, ja sogar die Trennung zwischen den verschiedenen Mediengattungen Print, Online, Rundfunk und Fernsehen ist von gestern und hinfällig. Die Zukunft wird eine der entgrenzten und verflochtenen Medienformate sein.

Romanus Otte, geschäftsführender Redakteur der Welt-Gruppe, insistierte mehrmals darauf, daß das Denken in den alten Kategorien nicht weiterhelfe. Und Otte war es auch, der ein flammendes Plädoyer für den Onlinejournalismus hielt: „Befreit Euch von der Druckmaschine!“, rief er dem Publikum zu.

Denn noch seien fast überall die gesamten redaktionellen Abläufe auf den Start der Druckmaschine resp. den Redaktionsschluß hin ausgerichtet. Die Routinen, Denk- und Arbeitsweisen seien noch immer geprägt von diesem Rattern der Druckmaschinen – und genau hier sei mit dem Onlinejournalismus die Möglichkeit der Emanzipation gekommen.

Die Schattenseiten der schönen, neuen Medienwelt

Aus dem Publikum gab es, anbetrachts dieser doch sehr rosa gezeichneten Vision, freilich sofort Protest. Denn der Blick in die allermeisten Onlineredaktionen führe dann doch die traurige Realität vor Augen: die Hetze und der Zeitdruck, die durch den Redaktionsschluß vorgegeben war, werde keineswegs aufgelöst. Der Zeit- und Produktionsdruck wird lediglich transformiert in einen permanenten Druck. Otte räumte die „Arbeitsverdichtung“ dann auch unumwunden ein.

Wird also tatsächlich alles schlechter? Zeitdruck rund um die Uhr? Leser, die nur gefälligen Häppchenjournalismus goutieren?

 
Auf dem Podium war man sich einig, daß genau dieser Vorwurf – daß das Medium Internet nur kurze, oberflächliche Texte erlaube – nicht haltbar sei. Die Kürze sei keine Einschränkung, die das Medium vorgebe.

Die Stärke von wissenschaftlichen Weblogs

Stattdessen seien manche Spielarten, die meist unter dem Etikett Web2.0 subsummiert werden, wirklich innovativ und spannend. Wissenschaftliche Weblogs, darauf verwies etwa Beatrice Lugger, bereichern das Angebot des üblichen Wissenschaftsjournalismus. Was in den Redaktionen (aus welchen Gründen auch immer) unter den Tisch falle, werde häufig von Bloggern dennoch thematisiert. Außerdem – auch das ein wichtiger Punkt – könnten Weblogs als Korrektiv wirken. Und sogar investigative Akzente könnten – so belegen Beispiele – durch engagierte Blogger gesetzt werden.

Für bloggende Journalisten, so erläuterte ebenfalls Beatrice Lugger, böten Blogs die Freiheit endlich das zu tun, darüber zu schreiben, was ihnen wichtig sei. Diese Freiheit gehe allerdings auch mit größerer Verantwortung einher.

Romanus Otte bestätigte, daß Weblogs eine wichtige Bereicherung der Szene seien. Solche Sätze aus dem Mund eines führenden Vertreters des Springer-Verlags, wer hätte damit gerechnet. Und Otte ging sogar noch weiter: Blogs dienten ihm und seinen Kollegen als Inspirationsquelle und man bediene sich gelegentlich auch ganz bewußt. Soviel Ehrlichkeit überraschte.

Wissenschaft hat Konjunktur

Daß Wissenschaft als Thema in und für die Medien derzeit sehr spannend ist, brachte Hans Helmreich vom Bayerischen Rundfunk zum Ausdruck. Der BR-Redaktionsleiter für Multimedia-Inhalte antwortete auf kritische Fragen zur Stellung der öffentlich-rechtlichen Sender im Onlinesegment recht souverän. Für das Wissenschaftsressort des BR konnte er mit positiven Zahlen aufwarten: die Angebote seien sehr gut frequentiert und unter den vielen BR-Podcasts belege der Wissenspodcast „Radio Wissen“ den Spitzenplatz.

Rund 500.000 Abrufe pro Monat verzeichnet das Angebot. Diese Information dürfte bei dem einen oder anderen Zuhörer für Gedankenspiele gesorgt haben, ob man nicht das Schreiben aufgeben und das Produzieren von Wissens-Podcasts beginnen sollte. Bei solchen Zugriffszahlen…

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10 Responses to “Maschinenstürmer: Über die befreiende Kraft des Onlinejournalismus”


  1. […] 6. “Über die befreiende Kraft des Onlinejournalismus” (wissenswerte.wordpress.com, mscheloske) “Der Onlinejournalismus gilt vielerorts (noch) als minderwertig. Es gibt Journalisten, die es sich inzwischen angewöhnt haben, in jedem zweiten Satz die Bemerkung einzustreuen, daß sie selbst ja Print(!)-Journalisten seien. Gar so, als ob es sich beim Präfix ‘Online-’ um etwas Ansteckendes handele.” […]

  2. Hm Says:

    So ganz kommt noch nicht jeder mit dem Blogsystem zurecht, oder? Solche langen Texte, ungeteasert auf der Startseite…nicht optimal.

  3. Marc Says:

    Wenn das der einzige (Schönheits-)Fehler ist?! Dann vielen Dank für das Kompliment. 😉

    Anmerkung: In den allermeisten Blogs ist es üblich, daß alle Artikel in voller Länge gelistet werden und auch komplett als RSS-Feed übertragen werden. Es gibt ja auch die Möglichkeit des Scrollens, um längere Texte zu überblättern. Ich habe aber nun einen Seitenumbruch eingefügt.


  4. Ein Aspekt des Onlinejournalismus fehlt mir hier ein wenig: Die potenzielle Fluidität der Inhalte.

    Ein gedruckter Artikel liegt in dieser Form unveränderbar vor, zum Guten wie zum Schlechten. Ein Internetartikel hingegen kann nach seiner Veröffentlichung beliebig oft modifiziert werden – ein Vorteil, weil man Fehler korrigieren kann, aber auch ein Nachteil, weil getroffene Aussagen ohne Hinweis darauf verändert oder entfernt werden können.

    Das ist insbesondere dann problematisch, wenn sich ein anderer Autor darauf beziehen will: Bei gedruckten Texten kann man davon ausgehen, dass sie genau das enthalten, was man darin gelesen hat, und ein Verweis auf die Publikation genügt, um den Text eindeutig zu identifizieren.

    Bei Internetpublikationen hingegen genügt eine Verlinkung nicht. Inhalte können sich ändern oder verschwinden. Man müsste also komplett zitieren, was umständlich und sogar unhöflich sein kann (möglicherweise sogar rechtlich problematisch, selbst wenn man die Quelle klar angibt – wer kennt sich da aus?), und außerdem gibt es natürlich keine Garantie dafür, dass man korrekt zitiert – bei Quellenangaben in Printmedien ist es immer eine gute Idee, sich den Originaltext selbst noch einmal vorzunehmen, wenn man sich der Authentizität des Zitierten gewiss sein will. Hier ist das nicht möglich, selbst wenn der Originaltext unverändert geblieben ist, da man ebendies nicht sicher wissen kann.

    Natürlich wäre es wohl technisch machbar, Internetinhalte in einer Form aufzubewahren, die mit Hilfe eines Zertifikats garantiert, dass sie unverändert geblieben sind. Aber besteht daran wirklich ein ausreichendes Interesse, dass sich eine solche Technik als allgemeine Praxis durchsetzen könnte? So lange eine Stabilität ihrer Inhalte nicht garantiert ist, sind Onlinemedien jedenfalls zwar nicht minderwertig gegenüber Printmedien (da sie natürlich, wie hier auch angesprochen, über eigene Vorzüge verfügen) aber doch mit einer signifikanten Schwäche behaftet, welche ihre Seriosität in Mitleidenschaft zieht.

  5. Gina Says:

    „Minderwertig“?! Starkes Wort. Ist es wirklich bewusst gewählt worden? Oder eben nur schnell getippt (und das Synonymwörterbuch gerade nicht zur Hand gehabt)? Dann passt der Begriff gut zum Thema, leider aber auch zum Beitrag. Sorry, aber…

  6. Frank Says:

    @Andreas Pischner: „So lange eine Stabilität ihrer Inhalte nicht garantiert ist, sind Onlinemedien jedenfalls zwar nicht minderwertig gegenüber Printmedien (da sie natürlich, wie hier auch angesprochen, über eigene Vorzüge verfügen) aber doch mit einer signifikanten Schwäche behaftet, welche ihre Seriosität in Mitleidenschaft zieht.“ Je nun, die Seriosität von Offlinemedien kann ich auch nur dadurch einschätzen, in dem ich mir das Medium und sein Umfeld längere Zeit zu Gemüte führe resp. lese. Medienkompetenz ist nicht nur im Online-Bereich notwendig.
    Mit der Zeit kann mensch einschätzen, wie genau es der/die AutorIn mit der Quellenlage nimmt, sprich, ob Ergänzungen oder Änderungen gekennzeichnet werden.

  7. Marc Says:

    @Andreas Pischner:

    Zugegeben: die Tatsache, daß im Internet Texte und Informationen so leicht verändert werden können, hat auch Schattenseiten. Allerdings ist dies nach meiner Einschätzung lediglich dann ein Problem, wenn im akademischen Kontext zitiert werden soll. Dann ist ein wörtliches Zitat auf alle Fälle anzuraten, rechtliche Probleme wird es hier auf keinen Fall geben. (Als Faustregel gilt: einerseits muß das eigene Werk eine gewisse Schöpfungshöhe erreichen, was aber bei wissenschaftlichen Texten ohnehin der Fall sein dürfte. Andererseits darf die eigene Arbeit nicht aus mehr als 50% aus Zitaten bestehen.)

    Technische Lösungen gibt es im übrigen auch, SavedCite.com fertigt etwa Screenshots an, die den jeweiligen Status Quo zum Zeitpunkt des Zitierens festhalten.

    Ansonsten muß ich Frank zustimmen: auch im Onlinebereich gilt es, eine gewisse Medienkompetenz zu entwickeln. Bestimmte Marken, Verlage, Portale oder auch einzelne Autoren stehen zweifelsfrei für Seriösität und machen auch Änderungen am Text in transparenter Weise kenntlich (Anmerkung: es gibt in diesem Zusammenhang auch vorbildliche Weblogs, die jede nachträgliche Änderung dokumentieren!)

    Insofern sehe ich den Umstand der leichten Veränderbarkeit in meinen Augen wirklich nur ein marginales Problem.

  8. Frank Says:

    @Marc: Hmmm, so marginal ist die Veränderlichkeit der Inhalte aber nicht – ich hatte vor kurzem einen Fall, dass ich mich kritisch mit den Inhalten eines Blogs auseinandersetzte – und später merkte, dass der Autor die Texte peu à peu anpasste, sodass meine Argumentation ins Leere lief.

    OK, hatte letztendlich zur Folge, dass die entsprechende Site von mir nicht mehr als zitiert wird. Insoweit – einen gewissen Mehraufwand hat mensch denn doch…

  9. Marc Says:

    @Frank: Ja, klar, das ist mir auch schon mal passiert, daß ein Blogger bzw. Bloggerin immer wieder nachgebessert bzw. korrigiert hat. Das ist natürlich sehr ärgerlich, aber das sind doch Ausnahmen. Ich wollte ja auch nicht behaupten, daß man Blogs unbesehen zitieren sollte, sondern nur, daß es prinzipiell und nach eingehender Prüfung möglich ist.


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