Wöchentlicher Sex verringert Grippe-Risiko

November 17, 2008

Zugegeben: Auch ich hätte einen Artikel mit dieser Überschrift (an)gelesen. Es war immerhin eine Sensation, was das Magazin Healthy Living versprach! Was also tun: Lesen und sich danach um seine Gesundheit kümmern? Oder dem Artikel doch lieber mehr Zeit schenken und nachrecherchieren was wirklich hinter der Geschichte steckt? Entscheidet man sich für Letzteres, kommt man zu einem interessanten Ergebnis: Die (ach so) neue Studie, ist schon 2004 in den USA veröffentlicht worden und ging der Frage nach: „Welche Auswirkungen haben Pornofilme auf das männliche Immunsystem?“ Keine Rede von Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau!

Die Frage ist: Wie verhält sich der Medizinjournalist wenn er solche Meldungen hört? Klar, die breite Masse liebt diese Themen. Und eine Zeitschrift mit dem Titel „Sex gegen Grippe“ verkauft sich nunmal besser als eine, die sich mit dem Paarungsverhalten von Wimperntierchen beschäftigt. Dass dies ein aktuelles Problem ist, hört man an Sätzen wie: „Im Moment bin ich mehr damit beschäftigt schlechte Texte zu verhindern als gute zu produzieren!“ (namenloser Redakteur).

Aber wie soll ein Redakteur einen gut recherchierten Text schreiben, wenn er einen Artikel innerhalb von sechs Stunden mit Bildern druckfertig abgeben soll? Dr. Christina Berndt, Redakteurin in der Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung sieht es nicht ganz so schwarz: „Das Internet erleichtert unsere Recherchearbeit enorm, weil wir unsere Experten direkt finden und nicht nur über die Pressestellen gehen müssen.“ Trotzdem sind sechs Stunden Zeit knapp bemessen. Beispiel Medikamentenstudien. Es müssen Fragen geklärt werden wie: Was sind die Vor- Nachteile des Produkts? Von wem wurde die Studie bezahlt? Welche Interessenskonflikte gibt es? Das alles in einem halben Tag zu recherchieren und dann eine spannende, investigative sowie objektive Geschichte zu schreiben ist nicht einfach – oder gar unmöglich?

Und was passiert eigentlich, wenn man Stunden in Recherchearbeit investiert und sich das Thema einfach in Luft auflöst? Wenn die Studie nicht repräsentativ, der Forscher unglaubwürdig oder alles nur gefälscht ist? Wer bezahlt diese Recherchearbeit? „Eigentlich zeichnet es einen Journalist aus, wenn er ein Thema totrecherchiert hat“, sagt Christina Berndt. Das zeige, dass der Journalist dort weiter gefragt hat, wo andere schon zu schreiben begonnen haben. Bei der Süddeutschen wird das auch honoriert. Allerdings nicht besonders gut, gibt auch die Redakteurin zu.

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