Vielleicht doch PR?

November 18, 2008

Wissenschaftsjournalismus, das heißt oftmals unverständliche Themen aus der Wissenschaft für die Allgemeinheit verständlich aufzuarbeiten. Also komplexe Dinge einfach erklären. Was man vor allem dafür braucht ist Raum um sich Klarheit über die komplizierten Sachverhalte zu verschaffen. Die Frage ist: Kann der Wissenschaftsjournalismus diesem Anspruch in der heutigen Medienwelt noch gerecht werden? Fakt ist, ein Medium mit genug Raum für einen Artikel von 10.000 Zeichen ist heute kaum noch zu finden. Diesen Platz gibt es im vom Nutzwert getriebenen Boulevardjournalismus unserer Zeit einfach nicht. Der klassische Bericht vergangener Tage stirbt aus, er wird durch das Feature ersetzt. Häppchen sind die Zukunft, und wehe es fehlt dabei der Nutzwert.
Doch wo findet man diese Häppchen? Neben Fachzeitschriften und eigens recherchierten Themen sind auch Pressemitteilungen von großen Unternehmen eine mögliche Recherchequelle. Recherche oder gar Themenfindung durch die böse, mächtige PR? Niemals, sagt der verantwortungsbewusste Journalist. Aber warum eigentlich nicht? Immerhin versorgt sie uns täglich mit immer neuen herausragenden Sensationen. Jeden Tag offenbart sie uns die neusten Entwicklungen und Innovationen, und alle sind sie perfekt zugeschnitten auf den Verbraucher. Ist die PR wirklich so böse wie immer behauptet? Die Antwort muss jeder für sich selbst finden. Fakt ist, das wichtigste Gut des Journalisten ist seine Unabhängigkeit, diese darf er niemals verlieren. Denn nicht in allen Fällen von PR muss man von böser, dunkler Macht sprechen. Denn eines ist sicher: jede Medaille hat zwei Seiten. Es gibt saubere PR und schmutzigen Journalismus.

Jacob Vicari (r.) verglich über mehrere Wochen den Arbeitsalltag

Sorgte für Interesse: Jacob Vicari (r.) verglich über mehrere Wochen den Arbeitsalltag verschiedener Wissenschaftsredaktionen. Foto: Alexander Roßbach

Am Nachmittag hat ein Wissenschaftsredakteur zwar fast doppelt so lange Zeit, bevor er seine aktuelle Handlung für etwas anderes unterbrechen muss – das macht die Sache aber auch nicht besser. Das sind zwei Ergebnisse aus einer Studie von Jakob Vicari, die er im Rahmen seiner Diplomarbeit an der LMU-München durchgeführte.

Sechs Minuten: Da wird das Aufbereiten der Inhalte für die nächste Ausgabe zum ständigen Kampf mit der Unterbrechung – und Fachartikel im Dreiminutenrhytmus des Vormittages zur Stückkost. Wie kommt man zu so einem Ergebnis? Indem man die Redaktionen nicht, wie sonst üblich, nur befragt, sondern sich auch die Verhältnisse vor Ort genau anschaut. So beobachtete Vicari vier Redaktionen insgesamt 160 Stunden lang bei ihrer Arbeit. Stoppuhr und Protokoll immer griffbereit. Deutlich wurde auch, dass ein Redakteur 75 Prozent einer typischen Stunde mit Sammeln, Textproduktion und medienvermittelter Kommunikation beschäftigt ist. Dabei steht einem typischen Wissenschaftsjournalist immerhin noch eine gute Minute mehr unterbrechungsfreie Zeit zur Verfügung als dem Kollegen im Online Ressort. Dem Kollegen im Radio bleiben jedoch deutlich über viereinhalb Minuten zur Konzentration. Dass der zerhackstückelte Alltag in vielen Wissenschaftsredaktion der Sache dient, ist sehr unwahrscheinlich. Schließlich ist für komplexe Themen eine gewisse Konzentration nötig. Sicher braucht es auch längere Beschäftigung mit mit ihnen. Andereseits ist der redaktionelle Alltag immer schon einer der stressigsten gewesen. So ist dies sicher kein Armutszeugnis des redaktionellen Arbeitens, sondern eher eine Herausforderung, der sich Redakteure und angehende Journalisten stellen müssen. Sie müssen oder haben einfach gelernt, damit umzugehen – was in den untersuchten Redaktionen sicher der Fall ist. Wie sie so täglich handeln, um ihre Seiten zu füllen ist nachzulesen in der Diplomarbeit „Unter Wissensmachern – Eine Untersuchung journalistischen Handelns in Wissenschaftsredaktionen“. Sicher ist eine so kleine Studie nicht representativ, aber sie gibt einen Einblick in die tägliche Arbeit von Wissenschaftsjournalisten und lässt Schlüsse zu.

Verlasst das Ressort!

November 18, 2008

Sollen wir die Wissenschaftsressorts auflösen? Ja, sagen hier viele, oder – weniger provokant: Verlasst das Ressort. Raus aus der Nische, rein ins richtige Leben: Schreibt auch mal für den Sportteil, und natürlich für die Panoramaseite! Klopft eure Themen daraufhin ab, ob sie nicht eigentlich ins Wirtschaftsressort gehören! Und: Werdet politischer! Vergesst nicht, dass auch hinter Wissenschaft Geld, Macht, Einfluss und Interessen stehen und viele Entscheidungen politisch motiviert sind, nicht „rein naturwissenschaftlich“. „Raus aus dem Ghetto! Wissenschaftsjournalismus ist ein Querschnittsthema“, fordert auch Michael Haller, Professor für Journalistik aus Leipzig. Christoph Keese (Springer, Konzerngeschäftsführer Public Affairs) unterstützt das; die WELT habe unten auf der ersten Seite ja alle drei Tage ein Wissenschaftsthema, zum Beispiel. Allerdings ist ihm das Wort „Ghetto“ zu negativ und er hält es nicht für günstig, das Ressort aufzulösen, denn „wenn die Ressorts weggekürzt werden, dann verschwinden auch die entsprechenden Themen“. Und das sei schade, denn Wissenschaft ist ein Wachstumsthema. Immer noch.

Alltagsgeschäft beim Fernsehen, bei Zeitungen (noch) unüblich: Das Monitoring der Rezipienten. Die Verfolgung, dessen, was tatsächlich gelesen wird, ist durch Readerscan-Untersuchungen möglich. Eine bestimmte Anzahl von Lesern erfasst mit einem speziellen Stift ihre Lesegewohnheiten. Die Daten stehen dem Verlag innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung. Wer liest was, wie weit und in welcher Reihenfolge? Völlig neue Sichtweisen scheinen somit möglich. Plötzlich können Artikel und damit auch Themen nach ihrer „Lese-Quote“ sortiert werden. Entscheidet so in der Zukunft die bloße Quote darüber, was in der Zeitung steht? Dazu würde es nicht kommen, meint Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei der Axel Springer AG. Seine Hypothese: Klar, Geschichten die laut Readerscan erfolgreich sind, werden gedruckt, aber sicherlich auch solche, welche von den Redaktionen leidenschaftlich verfolgt werden. „Das Mittelfeld muss raus“, bringt er die Lage dennoch auf den Punkt. Eines wird durch Readerscan sehr deutlich: Wissen bringt Quote. Eine gute Nachricht, auch wenn sich Wissenschaftsjournalismus verstärkt daran messen lassen muss, ob er auch wirklich gelesen wird.

Der Onlinejournalismus gilt vielerorts (noch) als minderwertig. Es gibt Journalisten, die es sich inzwischen angewöhnt haben, in jedem zweiten Satz die Bemerkung einzustreuen, daß sie selbst ja Print(!)-Journalisten seien. Gar so, als ob es sich beim Präfix „Online-“ um etwas Ansteckendes handele.

In manchen Köpfen, das wird auch hier bei den „Wissenswerten“ klar, ist diese kategoriale Trennung zwischen dem vermeintlich qualitativ hochwertigen Printjournalismus und dem flüchtigen Onlinejournalismus, der kaum mehr als Abfallprodukt des Redaktionsalltags sei, immer noch fest verankert. Das Internet – so das tiefsitzende Vorurteil – verleite zur Flüchtigkeit, gar zur Schlamperei. Die Rezeptionsweise vertrage am Ende gar keine langen, gut recherchierten Geschichten. Soviel zu den alten Zöpfen.

Um Aufklärungsarbeit im ursprünglichen Sinne, um den nüchternen, vorurteilsfreien Blick auf den Journalismus der Zukunft ging es in der heutigen Podiumsdiskussion unter dem Motto: „Online first. Science second?“ Um Aufklärung also, welche Spielarten des Wissenschaftsjournalismus wir heute im Onlinebereich bereits finden und welche Entwicklungen auf Seiten der Mediennutzung und -Produktion sich aktuell abzeichnen.

Entgrenzung der Medien

Fest steht – und das kann getrost als Fazit der Diskussion festgehalten werden – die Trennung zwischen Print- und Onlinemedien, ja sogar die Trennung zwischen den verschiedenen Mediengattungen Print, Online, Rundfunk und Fernsehen ist von gestern und hinfällig. Die Zukunft wird eine der entgrenzten und verflochtenen Medienformate sein.

Romanus Otte, geschäftsführender Redakteur der Welt-Gruppe, insistierte mehrmals darauf, daß das Denken in den alten Kategorien nicht weiterhelfe. Und Otte war es auch, der ein flammendes Plädoyer für den Onlinejournalismus hielt: „Befreit Euch von der Druckmaschine!“, rief er dem Publikum zu.

Denn noch seien fast überall die gesamten redaktionellen Abläufe auf den Start der Druckmaschine resp. den Redaktionsschluß hin ausgerichtet. Die Routinen, Denk- und Arbeitsweisen seien noch immer geprägt von diesem Rattern der Druckmaschinen – und genau hier sei mit dem Onlinejournalismus die Möglichkeit der Emanzipation gekommen.

Die Schattenseiten der schönen, neuen Medienwelt

Aus dem Publikum gab es, anbetrachts dieser doch sehr rosa gezeichneten Vision, freilich sofort Protest. Denn der Blick in die allermeisten Onlineredaktionen führe dann doch die traurige Realität vor Augen: die Hetze und der Zeitdruck, die durch den Redaktionsschluß vorgegeben war, werde keineswegs aufgelöst. Der Zeit- und Produktionsdruck wird lediglich transformiert in einen permanenten Druck. Otte räumte die „Arbeitsverdichtung“ dann auch unumwunden ein.

Wird also tatsächlich alles schlechter? Zeitdruck rund um die Uhr? Leser, die nur gefälligen Häppchenjournalismus goutieren?

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Der böse Löwe?!

November 17, 2008

asdasd

Referierte kritisch über das Verhältnis von Journalismus und Public Relations: Prof. Dr. Klaus Kocks, Gesellschafter der CATO Sozietät für Kommunikationsberatung GmbH sowie der VOX POPULI Meinungsforschungsinstitut GmbH. Foto: Alexander Roßbach

Die „Höhle des Löwen“. Gibt es sie nun oder gibt es sie nicht? Stehen sich PR und Journalismus doch näher als oftmals zugegeben? Es scheint auf beiden Seiten schwarze Schafe zu geben, wo gibt es diese schließlich nicht. Jedem scheint es selbst überlassen zu sein wie er recherchiert, wen er anruft und zu wem er Kontakte knüpft. Nur, wie kommt man an den Wissenschaftler aus dem Labor? Wie finde ich als Journalist den richtigen Ansprechpartner einer neuen Entwicklung? Wenn wir ehrlich sind, nicht selten über die Pressestelle eines Unternehmens oder Instituts. Legt man dann gleich wieder auf? Man könnte ja gefressen werden? Oder lässt man sich doch darauf ein? Arbeitet man vielleicht sogar zusammen? Möglicherweise sitzt da ja am anderen Ende jemand der sauber recherchiert, der einem vielleicht weiterhelfen könnte? Die Betonung liegt auf weiterhelfen, und keineswegs auf abschreiben von zugeschickten Pressemitteilungen oder Hintergrundwissen über ein Forschungsgebiet oder ein neues Produkt. Journalisten und PR-Leute werden früher oder später zusammenarbeiten müssen, wenn sie es nicht schon längst tun. Sie bewegen sich nebeneinander her, teils arbeiten sie zusammen und teilweise lässt sich manch einer bestimmt auch beeinflussen. Die PR ist abhängig vom Journalismus und der Journalismus von der PR, auch wenn das viele nicht zugeben wollen. Schließlich lassen wir uns hier in Bremen, wie meine Kommilitonin Laura meint, auch von dem einen oder anderen Unternehmen verköstigen.